Mobilität im Wandel

Auch wenn Berlin sich zu einer smarten Stadt entwickelt, leben wir aktuell doch in der Infrastruktur des letzten Jahrtausends. ÖPNV, Fahrräder und Autostraßen kennen wir alle. Wird sich dies bald ändern? Und was werden die Triebfedern dieses Wandels sein?

Foto von einfahrender S-Bahn in den Hauptbahnhof in Berlin © Fotolia | Tobias Arhelger

Die sich abzeichnenden Megatrends kann man mit den Schlagworten Urbanisierung, Digitalisierung und Dekarbonisierung umreißen. Der Zuzug von Menschen in immer größere, stark verdichtete Städte ist eine große Herausforderung. Intelligente Mobilität ist entscheidend, damit Städte attraktiv und lebenswert bleiben. Die Vision ist, sich problemlos fortbewegen zu können, ohne Lärmbelästigung, jederzeit, sicher, ohne Stau und schädliche Abgase.

„Wir stecken mit den Beinen noch im 20 Jahrhundert, mit dem Kopf aber schon im Morgen.“

Auch die Frage nach dem öffentlichen Raum und wie er in Zukunft genutzt werden soll, ist unheimlich wichtig. In Berlin können wir Lösungen finden. Berlin eignet sich aufgrund seines Metropolencharakters als Test- und Experimentierfeld für die Entwicklung von innovativen, nachhaltigen Konzepten, die dann auch auf größere, globale Megacities übertragen werden können. Einen entscheidenden Beitrag werden neue Technologien leisten. Wir stecken mitten in der digitalen Revolution, die auch die Mobilität komplett umkrempeln wird.

Wie könnte die Verschmelzung von Nachhaltigkeit und Technologie für die Mobilität der Zukunft aussehen?

Foto von der Innenansicht vom Berliner Hauptbahnhof über mehrere Ebenen mit Rolltreppen und Regionalzügen © Berlin Partner | FTB-Fotos

Zunächst einmal hat diese Zukunft bereits begonnen. Wir stecken schon mitten drin in diesem Wandel. Das persönliche Mobilitätsverhalten von vielen von uns wird nachhaltiger, weil wir mehr Radfahren, zu Fuß gehen und öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Aber auch die Nutzung neuer Mobilitätslösungen, wie echtes Ridesharing, rückt immer mehr ins Bewusstsein.

„Niemand braucht in Metropolen mehr ein eigenes Auto. Viel besser ist ein verkehrsträgerübergreifendes Mobilitätsbudget, zum Beispiel auf einer Mobilitätskarte.“

Wieso nicht in einem On-demand Shuttle zum Bahnhof fahren, den man sich mit anderen teilt? Algorithmen und smarte Endgeräte, die heute jeder mit sich herumträgt, machen es möglich. Wenn das Gesamtpaket an solchen Angeboten stimmt, kann man als Großstadtbewohner locker auf das eigene Auto verzichten. Und auch wenn wir aus der Stadt raus wollen, muss die Elektromobilität nicht enden. Bei der Elektrifizierung der Fahrzeugantriebe und -aggregate mit Batterie oder Brennstoffzelle erleben wir im Moment große technologische Fortschritte. Nicht nur beim Pkw, sondern vor allem auch bei Lkw, Bus und Bahn und bald auch bei Flugzeugen. Stichwort Digitalisierung: Wir erleben in allen Lebensbereichen die Durchdringung des Alltags mit IT-Lösungen. Das Einkaufen erledigen wir von zu Hause, Termine machen wir online und in einen Straßenatlas schaut kaum noch jemand. Wohin führt diese Entwicklung beim Verkehr? Die Digitalisierung führt aus technologischer Sicht zu einer Veränderung der Fahrzeuge und dazu, dass Verkehrsmittel untereinander und mit der Infrastruktur stärker vernetzt sind. Automatisiertes Fahren auf Straße und Schiene sind mittlerweile für die nähere Zukunft absehbar bzw. in Teilbereichen bereits vollzogen. Die Verfügbarkeit vielfältiger Informationen gestattet eine Vielzahl intermodaler Verknüpfungen. Für den Nutzer bedeutet es, dass Mobilität zu einer Dienstleistung wird, die je nach individuellem Bedarf die Nutzung verschiedener (öffentlicher) Verkehrsmittel oder Sharing-Angebote für Pkw, Scooter und Fahrrad einschließt.

„Mobility as a service lautet die Devise.”

Die Digitalisierung integriert bestenfalls letztendlich alle Angebote in einer anwenderfreundlichen, datenbasierten Applikation. Auch der Wirtschaftsverkehr bleibt hiervon nicht unberührt und setzt die neuen Technologien zur Optimierung seiner Transporte ein. Big Data und Künstliche Intelligenz werden zur Basis von Geschäftsmodellen? Richtig. Sind sie bereits. Produkte und Dienstleistungen wandeln sich fundamental - von der Produktionstechnologie über die Einbindung der Produkte und Dienstleistungen in Mobilitätssysteme bis hin zu den Geschäftsmodellen. Ein Beispiel: Wenn wir uns ein Smartphone einrichten, müssen wir eine Nutzer-ID anlegen. Diese können wir dann auf verschiede Geräte übertragen bzw. beim Neukauf eines Handys mitnehmen. Dank Cloud sind unsere Fotos, Apps, Einstellungen etc. so jederzeit überall verfügbar. Nichts ist mehr an eine Hardware gebunden. Für unsere Mobilität bedeutet das, dass Verkehrsmittel zu einer update-fähigen Plattform mit immer kürzeren Innovationsintervallen werden. Die Nutzer können sie jederzeit wechseln und beliebig tief über diverse Schnittstellen mit anderen Alltagsanwendungen verknüpfen. Dabei wird Künstliche Intelligenz, also das selbstständige Lernen der Technologie zur Voraussetzung und gleichzeitig auch zum Treibstoff neuer Lösungen.

„Berlin will die Zukunft der Mobilität mitgestalten, erproben helfen und von den entwickelten Lösungen stadtgesellschaftlich und wirtschaftlich profitieren.“

Herr Tiede, Sie sagen, Berlin bereitet sich schon heute auf die Mobilität von übermorgen vor. Welche Themen stehen dabei für Berlin Partner im Vordergrund?

Foto vom Verkehrsknotenpunkt Südkreuz in Berlin mit Elektroauto, Fahrrädern und Bus © Berlin Partner

Im Moment konzentrieren wir uns auf einige ausgewählte Leitthemen, die unserer Meinung nach dazu beitragen, die Mobilitätsziele zu erreichen und den Trends von morgen schon heute zu begegnen. Dazu gehört sowohl die Vernetzung von verschiedenen Verkehrsteilnehmern untereinander als auch mit der Infrastruktur. Außerdem innovative Mobilitätskonzepte und -services, effiziente, emissionsarme und dabei auch ressourcenschonende Technologien sowie die Sektorenkopplung mit der Energiebranche.

„Die Zukunft muss irgendwo beginnen und Berlin ist der geeignete Ort dafür.“

Konkret treiben wir aktuell Projekte voran, die sich mit den Themen Automatisiertes Fahren, Mobility as a Service, Smart City und Internet of Things (IoT) im Kontext der Mobilität und des öffentlichen Raumes auseinandersetzen. Das Land Berlin setzt dabei mit seinen Zukunftsstrategien die entsprechenden Leitplanken. Wie sieht es mit der Luftfahrt aus? Die wird immer wichtiger. Auch in den Städten. Große Potenziale sehen wir zum Beispiel im Bereich der Drohnentechnologien. Sehr gerne würden wir hier in Berlin das weltweit erste innerstädtische Test- und Demonstrationszentrum für zivile Drohnentechnologien etablieren. Damit Drohnen in Zukunft auch in der Stadt fliegen können, ist es wichtig, dass die Akzeptanz für diese auch von vielen Akteuren hier in der Hauptstadtregion schon weit entwickelte Technologie wächst. Drohnen sind zum Beispiel für die Lieferung zeitkritischer medizinischer Präparate oder das kostengünstige Monitoring sensibler Infrastrukturen hervorragend geeignet. Und bei der Bahn? Auch in der Schienenverkehrstechnik eröffnet der dynamische Trend der Digitalisierung, insbesondere die Erhebung und Verknüpfung von (Echtzeit)Daten, komplett neue Perspektiven. So können zum Beispiel Produktions- und Betriebsprozesse komplett automatisiert und Schienenverkehrsanbieter mit anderen Verkehrsträgern, der Infrastruktur und verschiedensten webbasierten Diensten vernetzt werden.

„Berlin als Hub für Startups bietet das Fundament für eine fruchtbare Kooperation zwischen etablierten Unternehmen aus der Hauptstadtregion und dynamischen Tech-Firmen.“

Wie sieht die gezielte Vernetzung von Wirtschaft, Forschungszentren und Universitäten beim Thema urbane Mobilität aus? Diese Vernetzung ist wirklich wichtig. Davon profitiert die Region enorm. Es gibt eine Menge Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Ein weiterer wichtiger Impuls könnte bald kommen: Die EU will ein sogenanntes Knowledge and Innovation Center (KIC) zum Thema Urban Mobility fördern. Berlin plant, sich bei dieser Ausschreibung zu bewerben. Ziel soll es sein, einen Think Tank in der Stadt zu etablieren, der den Berliner Mobilitätsthemen einen zusätzlichen Impuls verleihen wird.

Da hat Berlin einiges vor! Welche Rolle spielen Berlin Partner und Ihr Team dabei?

Fot von einem Brautpaar vor einem Carsharing-Auto im Hintergrund Fernsehturm und Museumsinsel © Berlin Partner

Unser Bereich ist untergliedert in fünf Handlungsfelder: Automotive, Verkehrstelematik, Schienenverkehrstechnik, Logistik und Luft- und Raumfahrt. Branchenexperten, die auch Erfahrungen mit nationalen und internationalen Projekten haben, sind für die jeweiligen Handlungsfelder zuständig. Wenn ein Unternehmen oder eine Wissenschaftseinrichtung eine Projektidee hat, können wir diese hinsichtlich ihres Innovationsgehaltes bewerten. Wir beraten dazu, wie die Erfolgsaussichten auf eine Förderung sind, wie der Antrag optimiert werden kann und welche Möglichkeiten der Förderung es durch das Land, Bund oder die EU gibt. Parallel sondiert unser Haus aktiv Förderbekanntmachungen, um Unternehmen gezielt darauf hinzuweisen, Projektideen zu generieren und Entwicklungskonsortien zu konstituieren. Außerdem haben wir einen recht guten Überblick über die Firmen, Wissenschaftseinrichtungen und ihre Expertise, die hier in Berlin aber auch überregional ansässig sind und vernetzen diese untereinander, wenn gezielt Fertigkeiten gesucht sind.